Blogbeitrag

Luzie Kothera begleitete beide Tage des EVZ Histoday 2026 journalistisch. In ihrem Blogbeitrag schildert sie ihre Eindrücke. Für ein Interview traf sie die Initiator:innen des Liberation Dance Natalie Reinsch und Philipp Mangels von Swing Man Tau e. V. und sprach mit ihnen über die Entstehung des Formats und die Bedeutung gemeinschaftlicher Erinnerungsformate.

Wer hätte gedacht, dass eine Veranstaltung wie der Histoday, immerhin Jubiläumsveranstaltung der Stiftung für Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, mit bunten Lichtern, Puppentheater und Big Band beginnt? Der erste Berliner Histoday wurde am Abend des 07.05.2026 nicht nur von der Vorstandsvorsitzenden Dr. Andrea Despot und einem sehr interessanten Panel von Dr. Ljiljana Radonić zum Thema European Memory Politics: Democratic and Authoritarian Interventions in the Era of Victim Competition eingeleitet, sondern vor allem auch durch das jüdische Puppentheater aus Berlin namens Bubales unter der Leitung von Shlomit Tripp. 

Angeleuchtet von bunten Lichtern unterhalten sich auf der kleinen Bühne zwei Puppen, die aussehen wie Konrad Adenauer und David Ben-Gurion oder die einen israelischen und einen deutschen Jugendlichen bei einem Besuch in Ausschwitz darstellen. Beide Sketche brachten in den Zuschauer:innen Lachen und Stirnrunzeln, aber auf jeden Fall Gesprächsstoff hervor. Den Ausklang des Abends bildete das Konzert einer Big Band, die neben verschiedenen Jazzstücken auch Jeepers Creepers auf die Bühne brachte - Die Melodie zum Liberation Dance. Letztendlich spiegelte die Auftaktveranstaltung vermutlich den gesamten Histoday perfekt wider: Er zeigte, dass Erinnerung, Politik und Kultur nie schwarz-weiß sind. Er machte deutlich, wie viele Aspekte der Geschichte weiterhin neu beleuchtet werden müssen – und wie wichtig es ist, zusammenzuarbeiten, miteinander zu sprechen und sich gegenseitig zuzuhören.

Die ersten zwei Workshops des Tages fliegen fast an mir vorbei. Vorträge auf Englisch, Menschen aus Europa und der ganzen Welt, die alle zu verschiedenen Themen forschen oder arbeiten und trotzdem über das gleiche reden: Wie erinnern wir heutzutage? Viele Ideen und teilweise unterschiedliche Ansichten, aber die Diskussionen bleiben sachlich – Es bleibt bei Neugier und Erfahrungsaustausch. Ein Tag reicht nicht aus, alle Themenräume mit ihren verschiedenen Diskussionen, Vorträgen und Panels zu besuchen. Die Auswahl ist groß und die Themen vielfältig, da fällt die Wahl der Workshops schwer. 

Der erste Workshop, den ich besucht habe, stellt eine gute Einstimmung auf den Tag, der vor mir liegt, dar. Annemarie Hühne-Ramm referiert über Remembrance in a corporate world und gibt in ihrem Vortrag lohnende Impulse wie Erinnerungskultur in (ehemaligen Täterinstitutionen) gelebt und umgesetzt werden kann. Ihr Vortrag verbindet die Erinnerungskultur mit praktischen Ansätzen und Beispielen, die viele Zuhörende nachvollziehen konnten. Der zweite Workshop im gleichen Themenraum, eröffnete für mich ein ganz neues Themenfeld. Antisemitism in the GDR: Blind Spots in Postwar Memory? war, wie sich durch den Workshop gezeigt hat, nicht nur für mich ein unbekanntes bzw. verdrängtes Thema.

In der Mittagspause genieße ich ein paar Sonnenstrahlen auf der Dachterrasse des FRIZZ-Forums, bevor ich mich wieder unter die Menschen mische, die sich alle angeregt unterhalten, networken und das köstliche Buffet genießen. Es werden die Impressionen aus den ersten zwei Workshops ausgetauscht, geplant, wie der Tag weitergehen soll und die Aussicht über die blühenden Kastanienbäume und der Blick auf den Fernsehturm genossen. Mir gab das Mittagessen die erste Gelegenheit, Natalie und Philipp von Swing Man Tau e. V. aus Bremen näher kennenzulernen und Fragen für ein kurzes Interview zu besprechen. Bereits am Abend zuvor hatten wir uns auf der Tanzfläche kennengelernt als Natalie zum ersten Mal die Schritte zum Liberation Dance vorgestellt hat. Während des Interviews und des anschließenden Workshops der beiden war es mir möglich, mehr über die Geschichte und Verfolgung der Swing Jugend zu erfahren. Auch wenn die ersten beiden Workshops des Tages, an denen ich teilgenommen habe, zu Diskussionen und Gesprächen geführt haben, hat mich der Workshop von Natalie und Philipp auf meine Füße gebracht. 

In einer Gegenüberstellung eines Swingsongs aus den 1940er Jahren und einem populären deutschen Schlager derselben Zeit, wurde sofort klar, weshalb Swing so eine Bedrohung für die Diktatur der Nazis darstellte. „Wer Swing in sich hat, kann nicht mehr im Gleichschritt marschieren.“ Brachte es der KZ-Überlebende Coco Schumann (vgl. Mützelfeldt 2018) sehr treffend auf den Punkt. Swing entwickelte sich aus der unterdrückten afro-amerikanischen Kultur und steht deshalb nicht nur schon immer für Widerstand und Lebensfreude trotz der Umstände, sondern vor allem für Individualismus und Freiheit. So ist die Musik und der Tanz sehr viel ungebundener und konventionsloser als alles andere, was zur damaligen Zeit existierte. Jugendliche, die Swing spielten, hörten und tanzten wurden deshalb von den Nazis verfolgt. Sie grenzten sich bewusst von der Einheitsuniform der Hitlerjugend und ihren „Werten und Tugenden“ ab, in dem sie sich nach amerikanischem und britischem Vorbild kleideten, schminkten und frisierten. So trugen Mädchen Make-Up und roten Lippenstift, was in Nazideutschland als verpönt galt, und Jungen lange Haare, die den militärisch kurzen Haarschnitten entgegenstanden. Für ihre Liebe zur Musik und Mode des Swing wurden die Swingkids, wie sie sich teilweise selbst nannten, verfolgt und bestraft. Einige von ihnen wurden sogar in Haft genommen oder ins Konzentrationslager eingewiesen – Doch selbst das brachte sie nicht von ihrer Liebe zum Swing ab.

Im Anschluss an diesen bewegungsreichen Workshop folgte für mich ein weiterer, besonders emotionaler Programmpunkt: People with Learning Disabilities as Guides at the Memorial to the Victims of Euthanasia Murders in Brandenburg an der Havel: Ideas – Implementation – Prospects. Ein Workshop, der auf Deutsch stattfand, da er unter anderem von einer Dame mit Lernschwierigkeiten geleitet wurde. Sie selbst arbeitet als Guidin in der Gedenkstätte der NS-„Euthanasie“-Morde in Brandenburg an der Havel und konnte zusammen mit dem dortigen Museumspädagogen einen wertvollen Einblick in ihre Arbeit liefern. Die beiden erzählten nicht nur etwas über das Konzept der Gedenkstätte, sondern vor allem über die Führungen, die von Menschen mit Lernschwierigkeiten in der Gedenkstätte angeboten werden und sich sehr großem Interesse erfreuen. Die Gedenkstätte verlässt sich auf eine sehr inklusive Arbeitsweise, die die Ideen aller Mitarbeiter:innen miteinbezieht und die Selbstbestimmung in den Vordergrund stellt. Schon in der Art und Weise, wie Guidin und Museumspädagoge einzelne Schicksale von Opfern der sogenannten „Euthanasie“-Morde im Workshopraum schilderten, konnten alle Zuhörer:innen erahnen, wie gefühlvoll und packend die Führungen in der Gedenkstätte sein müssen. Der Workshop lieferte ein sehr gutes Bild davon, welcher Schritte und Gedankengänge es bedarf, um Erinnerungskultur für alle Menschen zu ermöglichen.

Mit diesen emotionalen Eindrücken zu schweren Themen ging es als letzten Punkt des Tages an die frische Luft: Auf die Friedrichstraße, die abgesperrt war und auf der eine Bühne aufgebaut worden war. Zu den Tönen von Jeepers Creepers von Louis Armstrong leitete Natalie nochmals die Schritte des Liberation Dance an, der am 08. Mai 2026 in sechs Städten in zwei Ländern gleichzeitig getanzt wurde. Er soll nicht nur an die verfolgten und ermordeten Swingkids erinnern, sondern ein aktives Zeichen der Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit und das Ende des Zweiten Weltkrieges setzen. Und wenn auch vielleicht nicht allen Passanten, die von der Musik angelockt stehen blieben, die Bedeutung des gemeinsamen Tanzes klar war, so schaffte er doch etwas, was wir alle gerade gut gebrauchen können: Lachen in den Gesichtern und Zusammenhalt, der sich nicht nur in den Händen der Tanzenden fand.

Drei Fragen an... die Initiator:innen des Liberation Dance Natalie Reinsch und Philipp Mangels

Interview

Drei Fragen an... die Initiator:innen des Liberation Dance Natalie Reinsch und Philipp MangelsDrei Fragen an... die Initiator:innen des Liberation Dance Natalie Reinsch und Philipp Mangels

Für ein Interview traf unsere EVZ Young Voice Luzie Kothera im Rahmen des EVZ Histoday die Initiator:innen des Liberation Dance Natalie Reinsch und Philipp Mangels von Swing Man Tau e. V. und sprach mit ihnen über die Entstehung des Formats und die Bedeutung gemeinschaftlicher Erinnerungsformate.